In Folge 4 seiner Reihe »Literary ClassiX« über Klassiker der Weltliteratur stellt uns J. T. (AlexOffice) diesmal die US-amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers und ihren Roman „Frankie“ vor. Ein Roman über Einsamkeit, Freundschaft, Erwachsenwerden und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt – und zugleich ein eindrucksvoller Einblick in McCullers’ besondere Art, menschliche Abgründe und innere Zerrissenheit sichtbar zu machen.
Literary ClassiX | 4 | Carson McCullers: Frankie

Carson McCullers, fotografiert von Carl Van Vechten am 31. Juli 1959. Quelle: Library of Congress, Prints and Photographs Division, Van Vechten Collection, Reproduction No. LC-USZ62-130115. Public Domain.
Original: „Member Of The Wedding”
„Ich bin ein Wissender. Ich bin ein Fremdling im eigenen Land.“ (McCullers)
Frankie
Taschenbuch, 288 Seiten, erschienen am 18. Dezember 2012; Diogenes Verlag
von Carson McCullers
* 19. Februar 1917 in Columbus, Georgia; † 29. September 1967 in Nyack, New York
Auszug aus dem 1. Kapitel:
Es geschah in jenem grünen und verrückten Sommer, als Frankie zwölf Jahre alt war. Es war jener Sommer, wo sie ganz allein war. Sie gehörte zu keinem Klub noch zu sonst was auf der Welt. Sie war ohne Freunde, trieb sich in der Stadt herum und fürchtete sich. Im Juni waren die Bäume so strahlend grün, dass es einem schwindelte; später wurden dann die Blätter dunkel und die Straße lag schwarz und schrumpfig in der grellen Sonne. Anfangs ging Frankie ziellos umher und tat, was ihr gerade einfiel. Früh morgens und nachts waren die Trottoirs in der Stadt ganz grau, aber in der Mittagssonne glitzerte der erhitzte Zement wie Glas. Schließlich wurden die Trottoirs zu heiß für Frankies Füße und gleichzeitig wuchs die Unruhe in ihr und wurde schließlich so groß, dass sie es vorzog zu Hause zu bleiben – und zu Hause gab es niemand außer Berenice Sadie Brown und John Henry West. Sie saßen alle drei um den Küchentisch und sagten wieder und wieder dasselbe, so dass, als der August kam, die Worte sich fast zu reimen begannen und seltsam klangen. Jeden Nachmittag schien die Welt zu sterben und nichts bewegte sich. Zuletzt war der Sommer nur noch ein kranker grüner Traum und wie ein stummer unwirklicher Sommer unter einer großen Glasglocke. Und dann, den letzten Freitag im August, wurde alles anders – und zwar so plötzlich, dass Frankie den ganzen Nachmittag herumrätselte und am Ende doch nichts begriff.
McCullers´ herbe Märchen & metaphysische Prosa
McCullers (geborene Smith) entführt uns hier in den Mikrokosmos einer Kleinstadt (sie selbst stammt aus Columbus, Georgia), die nur so wimmelt von tragischen Figuren und gezeichnet ist von bitterer Armut, rassistischen Strukturen (das N-Wort fällt hier nicht selten), einem sehr dominanten Grundfatalismus und der Hartgesottenheit der Leute hier. McCullers bekam früh schon rheumatisches Fieber und erlitt mit gerade mal 23 Jahren bereits einen Schlaganfall. Danach war ihre Schaffenskraft zwar gemindert und sie schrieb zunehmend langsamer, aber produktiv blieb sie bis zuletzt. Ihre Figuren, bereits in ihrem Debut „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ sind zumeist grotesk, doch wenig überzeichnet, dem Wahnsinn verfallen, debil geworden und/oder suizidal.
McCullers zog es früh nach New York, ihrem Sehnsuchtsort. Als sie dort aber ankam, wichen ihre naiven, weltfremden Vorstellungen bald herber Ernüchterung.
Ihre Romanfiguren sind nie platt autobiographisch, vielmehr in subjektiver Halbdistanz geschrieben. Nach ihrer Erstveröffentlichung „Wunderkind“ in der New Yorker Zeitschrift Story (hier wurden auch Faulkner, Tennessee Williams, Truman Capote, J.D. Salinger oder Norman Mailer publiziert) musste sie nie mehr um einen Verlag buhlen. Frankie wurde als „Studie über stürmische Entwicklungsjahre“ (Marguerite Young) besprochen. Hier wird die innere Zerrissenheit eines pubertierenden Kindes beleuchtet, wie es gerade zu jener Zeit sehr ungewöhnlich war. Die beiden Hauptcharaktere, neben Frankie: Berenice und John Henry repräsentieren verschiedene Facetten der Frankie Addams und ihren Zukunftsvorstellungen. Berenice hat drei Ehen hinter sich, hängt jedoch noch immer ihrem ersten Mann nach. Die nachfolgenden Gatten trugen je ein Merkmal, das sie an ihren Ersten erinnerte. Es wird so dicht erzählt, dass trotz der Nüchternheit der Sprache, jede der Figuren einem ans Herz wachsen. Es wird hier nicht alles auserzählt/ausgesprochen – vieles vibriert, lodert und/oder wabert unter der Oberfläche und erzeugt sowohl diese seltsame innere Verbundenheit als eben auch eine merkwürdige Zerrissenheit.
Columbus fungiert hier als klassische Kleinstadt, in der die sozialen Missstände und Rassenkonflikte gewaltig unter der Oberfläche schwelen. Das farbige Proletariat verdingt sich in Baumwollspinnereien, während man in zerfallenden Herrenhäusern kolonialen Träumereien nachhängt. Dieser Welt muss Frankie, wie auch die junge McCullers entkommen.
Autorin und Werk sind so eng verflochten, dass es eigentlich undenkbar ist, sie von ihren Hauptfiguren losgelöst zu betrachten. Es wird nie platt autobiographisch bei ihr, durch Form und Poesie gelang ihr eben die für sie nötige Distanz. Während ihrer ersten Studienjahre (noch hieß sie „Smith“) machte ein Freund sie mit einem Reeves McCullers bekannt, der als Korporal im unweit entfernten Fort Benning stationiert war. Auch er stammte aus einer Kleinstadt in Georgia. Carson sagte später im Rückblick:
„Als ich ihn das erste Mal sah, traf es mich wie ein Schock, ein Schock reinster Schönheit; er war der bestaussehende Mann, den ich je gesehen habe.“
Reeves hatte selbst auch schriftstellerische Ambitionen, doch seine militärische Laufbahn lief jenen zuwider. Er kaufte sich von der Army los, wurde Kreditmanager. Aus seinen schriftstellerischen Vorhaben wurde jedoch nichts. Womöglich ein Teilmotiv seines frühen Freitods.
William March verhalf Carson zu einem Stipendium vom Houghton Mifflin Company Verlag in Boston. 1940 erschien ihr Debut-Roman (Arbeitstitel: The Mute – dt.: Der Stumme) unter dem einem Gedicht von William Sharp entlehnten Titel The Heart Is A Lonely Hunter.
Die zwölfjährige Frankie Addams ist der Hauptcharakter in diesem Coming-Of-Age-Roman. Sie strebt nach Verbindung mit der Außenwelt, das heißt mit der Welt außerhalb ihrer Verhältnisse. Sie ist gescheit, doch auch sehr sensibel und auch träumerisch und sperrig. Ihre Phantasie, ihr Lebenshunger und ihre Neugierde auf die Welt in der Ferne treiben sie raus. Frankie ist hier das exotische Gewächs, das sowohl aus der Zeit gefallen wie nicht in ihre Umgebung zu passen scheint. Frankie Addams ist das wohl interessantere und vielschichtigere Äquivalent zu Salingers Holden Caulfield in dessen The Catcher In The Rye (dt.: Der Fänger Im Roggen, 1951).
McCullers‘ Prosa ist leise, es drohen sich ständig kleine Ex- oder Implosionen anzukündigen. Man muss sich hierauf unbedingt einlassen können/wollen. Es macht Sinn, sich in die Ära der McCullers und ihrer Figuren vor der Lektüre ein bisschen (tiefergehender) einzulesen um das bestmögliche Verständnis zu gewinnen und ihre Werke so erst in vollem Umfang erfassen und genießen zu können.
Die McCullers war in ganz enormem Ausmaß stilprägend, nicht nur doch insbesondere für die ihr nachfolgenden Vertreter der Südstaaten-Literatur. Der Erzählergeist war im Süden der USA wohl immer schon ausgeprägter als im Yankee-Norden, wo das Repetitive der Folklore vorherrscht.
Man denke an Sir Walter Scott, an Faulkner, an Wolfe …, aber McCullers scheint sich ihre Inspirationen aus weiterer Ferne geholt zu haben, denn Flaubert beispielsweise scheint ihr weit näher zu stehen als einer der vorgenannten Größen aus den heimischen Dixie-Gefilden.
Frankie erschien 1946. Das war vor der Rassentrennung („Segregation“) und dem vollständigen Einzug der jüngsten Industrialisierung. Ihr letzter Roman „Uhr Ohne Zeiger“ erschien knapp zwanzig Jahre später. Ob es mehr ihrer Gesundheit oder dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet war, dass ihre Schreibe die Kraft, die allen voran der intensiven Innenansichten ihrer Hauptfiguren bestand, verloren hatte, bleibt unbeantwortet.
… Die US-Literaturgeschichte wurde durch Carson McCullers gewaltig bereichert …

Mit freundlicher Genehmigung des Diogenes Verlags.
Frankie …
… ist ein unkonventioneller Entwicklungsroman, in dem es um Zugehörigkeit (bzw. das Gefühl nicht dazuzugehören) und das innere Spannungsverhältnis zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt geht und – wie ganz beiläufig – um Humanismus(!) gegenüber den Farbigen (die nie herabgewürdigt werden, stattdessen vielmehr wie Seelenverwandte Frankies) und das zu Zeiten der Segregation und bereits veraltender Gesellschafts- u. Rollenbilder.
Den so häufigen wie hartnäckigen Vergleichen mit Faulkner kann McCullers nicht standhalten, da McCullers´ Prosa weder so dunkel noch labyrinthisch gebaut ist, noch so kunstvoll modernistisch. Richtiggehend blass wirken McCullers Texte gegen jene des Altmeisters. Hier hat man bloß zwei Antipoden, die rein zufällig Südstaatler waren und im selben Jahrhundert schrieben.
Auch war McCullers keine Idealistin, dazu war sie zu nüchtern in ihren Analysen. Doch wie bei anderen Vertretern der Südstaatenliteratur (neben Faulkner auch Flannery O Connor, Frederic Buechner, Shirley Ann Grau und/oder William Goyen) bestimmen Tradition auch ihren Erzählstil.
Wie gesagt: Um diese Literatur wirklich zu durchdringen, ist es quasi unumgänglich, sich mit der US-amerikanischen Historie zu befassen. Als Einstiegslektüre in die Welt der Carson McCullers kann auch Das Herz ist ein einsamer Jäger oder das erwähnte Debut herhalten. Nicht direkt erste Wahl für Strandlektüre, eher für den Spätsommer oder Herbst. Wie groß ihr Einfluss auf (nicht bloß) weibliche Literaturschaffende gewesen ist, erfährt man am besten durch die eigene Erkundungstour. Und gewiss werden wir McCullers als bedeutende einflussreiche Größe in der Literaturlandschaft das eine oder andere Mal HIER wieder begegnen.
Viel Vergnügen beim Durchschmökern!
Weiterführende Links zu Carson McCullers:
Wikipedia Artikel
Filmdokumentation über Carson McCullers, Diogenes
Literaturkritik: Ein eindringliches und dem Leben abgerungenes Werk. Zum 100. Geburtstag von Carson McCullers
FAZ-Artikel des Journalisten Tilman Spreckelsen über den Roman „Das Herz Ist Ein Einsamer Jäger“
Alle Artikel der Reihe über Klassiker der Weltliteratur findet ihr hier: »Literary ClassiX«
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