Mit der Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson, einem schottischen Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters, setzt J. T. (AlexOffice) seine Reihe »Literary ClassiX« über Klassiker der Weltliteratur fort. Lest hier Folge 2.

Titelbild: Fredric March im Film „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | USA 1931 | © 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke | Filmfest 208 A


 

Literary ClassiX | 2 | Robert Louis Stevenson: „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“


 

Robert Louis Stevenson 1885 (Von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Gemeinfrei)

Robert Louis Stevenson 1885 | Bild von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

„Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

„Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ | Novelle | 1886 |
zentrales Motiv: die doppelte Persönlichkeit ein und derselben Person (dissoziative Identitätsstörung)

von Robert Louis Stevenson

* 13. November 1850  † 3. Dezember 1894

 

„Jeder Tag ist ein kleines Leben. Jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt.“  (R. L. Stevenson)

 


 

Leseprobe: Kapitel 1 | „Die Geschichte der Tür“

„Mr. Utterson, der Anwalt, war ein Mann mit einem zerfurchten Gesicht, das nie von einem Lächeln erhellt wurde, kühl, wortkarg und verlegen im Gespräch, schwerfällig in seinen Gefühlen, hager, lang, antiquiert, langweilig und doch in gewisser Weise liebenswert. Bei freundschaftlichen Zusammenkünften und wenn der Wein nach seinem Geschmack war, blitzte etwas ausgesprochen Menschliches in seinen Augen auf – etwas, das zwar nie in seinen Worten zum Ausdruck kam, sich aber nicht nur in diesem stummen Mienenspiel nach dem Essen zeigte, sondern häufiger und vernehmlicher in seinem Lebenswandel. Er war streng gegen sich selbst, trank, wenn er allein war, Gin, um seine Vorliebe für erlesene Weine zu bekämpfen, und obwohl er das Theater liebte, hatte er seit zwanzig Jahren keines betreten. Anderen gegenüber zeigte er jedoch erwiesenermaßen Nachsicht, manchmal beinahe neidvoll über den Mut und die Energie staunend, mit der sie ihre Missetaten begingen, und in jeder Notlage eher bereit, ihnen zu helfen, als sie zu missbilligen. »Ich neige zu Kains Ketzerei«, pflegte er gelegentlich scherzhaft zu sagen: »Ich lasse meinen Bruder auf seine Weise zum Teufel gehen.« Bei einem solchen Charakter war es häufig sein Schicksal, der letzte ehrbare Bekannte und der letzte gute Einfluss im Leben von Menschen zu sein, mit denen es bergab ging. Und solange sie in seiner Kanzlei verkehrten, ließ er ihnen gegenüber nie den Schatten einer Veränderung in seinem Verhalten erkennen.

 


Robert Louis Stevenson, Gemälde von John Singer Sargent, 1887

Robert Louis Stevenson | Gemälde von John Singer Sargent | 1887 | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

Ein junger Mann und seine Leidenschaft

Robert Louis Stevenson war ein außergewöhnlicher Mann und Schriftsteller (Romancier, Lyriker, Essayist), der seiner (spätviktorianischen) Zeit weit voraus war. Seine ironischen Brüche und überhaupt sein scheinbar spielerischer Umgang mit Sprache wurden von vielen Zeitgenossen wenig wohlwollend beäugt. Doch das schien diesen getriebenen Mann aus dem schottischen Edinburgh erst recht anzuspornen. Eine Menge Gedichte, Erzählungen und einige zeitlose Klassiker in Prosa-Form hinterließ der im Alter von gerade mal 44 Jahren verstorbene Stevenson. Allgegenwärtige Titel wie der Jugendbuchklassiker „Treasure Island“ („Die Schatzinsel“) und die Novelle „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ („Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“) wie auch der Roman „Kidnapped“ („Entführt – Die Abenteuer des David Balfour“) zählen zu diesen kleinen, über einige Strecken revolutionären Juwelen aus seiner Feder.

Unter den Gedichten Stevensons finden sich nicht wenige, die eine sehr hohe Sensibilität und Liebe zum Detail preisgeben, darunter z. B. „Christmas At Sea“ („Weihnachten auf See“), das von einem gewissen Matthew Gordon Thomas Sumner (aka STING) so stimmungsvoll vertont wurde, zu finden auf dem Album „If on a Winter’s Night“ oder als Live-Mitschnitt aus einem Konzert in der Kathedrale des im Nordosten Englands gelegenen Durham. Eine Harfenistin der schottischen Folk-Band The Poozies spielt und singt in Gälisch dazu.

Doch zurück zum eigenwilligen schriftstellerischen Werk des chronisch lungenkranken Ausnahmetalents Robert Louis Stevenson. Sein den meisten von uns wohl geläufigster Titel über Dr. Jekyll und sein abgründiges Alter Ego Mr. Hyde hält fortwährend Einzug in unsere Pop-Kultur. Das Motiv ist zigfach verfilmt wie auch für die Theaterbühne inszeniert und sogar einige Male mit dem Jack-the-Ripper-Fall verquickt worden.

Stevensons Erkrankung war ursächlich für fiebrige Wachträume, deren Auswüchse sich insbesondere in seiner Lyrik wiederfinden. Das Träumerische trifft in seinen Gedichten auf harte Brüche der Ernüchterung. Diese mit der schweren Krankheit verbundenen psychischen Beben lassen sich auch in Dr. Jekyll & Mr. Hyde auf vielen Ebenen sinnbildlich lesen. So befand sich der junge Autor schon früh im Spannungsfeld zwischen Leben und Tod, seinem Lebensdrang und den Wahnzuständen, die seinen jähen Verfall markierten.

Robert Louis Stevenson brannte für die bekannten Vertreter des französischen Symbolismus (also Verlaine, Stendhal, Baudelaire und Lautréamont). Die feinen Strukturen ihrer Dichtung beeindruckte den aufstrebenden jungen Schotten wie auch viele seiner Zeitgenossen und späteren Dichter, selbstredend nicht nur aus dem angelsächsischen Raum. Er pflegte eine langjährige intensive Freundschaft zu dem Erfinder des Detektiv-Duos Holmes & Watson, Sir Arthur Conan Doyle, der ihm weit mehr als bloß wohlwollend begegnete.

Stevensons spannende, nie leicht durchschaubare Erzählungen, die ein wenig den „Penny Dreadfuls“ (so nannte man die Groschenromane zu jener Zeit) Tribut zollen, bedienen verschiedene Genres – sowohl das der Detektivgeschichte wie auch jene der Schauermär und des Abenteuers zu Land und zur See für Jung und Alt.

Das vermeintlich rein Spielerische trügt über das Kalkül des Autors Stevenson hinweg, war er doch bekannt und befreundet mit einigen der namhaftesten und scharfsinnigsten Kritiker, Essayisten und Literaturtheoretiker seiner Zeit. Darunter auch Walter Pater, der ähnlich perfektionistisch und formstreng war wie sein Freund Robert. Ihre intensiven Korrespondenzen formten und festigten wohl die eigene Vorstellung von literarischer Ästhetik.

Es schien keine flüchtigen, belanglosen Dinge für diesen Menschen zu geben. Alles war Leidenschaft bei Robert Louis Stevenson.

Dementgegen steht aber seine Liebe zur Trivialliteratur. Und er schien nun ein Hybrid schaffen zu wollen: das lustvoll Banale des Schundromans mit seiner Überzeugung von ästhetischen Strukturen.

Rückblickend muss man zweifelsfrei anerkennen, dass ihm dieses Unterfangen geglückt war. Und das trotz massivster Widrigkeiten. Die Krankheit zerrte an allem, was er brauchte, um sich vollkommen einzulassen in das, was wohl von Anfang an seine Berufung war. Ein gehaltvoller, bedeutender Nachlass, den uns dieser Mann hinterließ.

Stevensons Vorfahren waren Ingenieure und Erbauer der Leuchttürme an schottischen Küsten. Sein Vater war Mietglied der Royal Society Edinburgh. Die Lehre des Kalvinismus bestimmte seine Erziehung. Der Glaube, gestärkt durch das mütterliche Presbyterianertum, brachte dem jungen Robert Schuldbewusstsein und Selbsterforschung bei. Das Studium der Bibel sowie religiöser Erbauungsliteratur stand weit über verachtenswerter Unterhaltungslektüre. Bei Verwandten in Colinton las man sich laut vor. Hier nahm er früh die Schriften Walter Scotts, Victor Hugos, De Balzacs, Jane Austens, Alessandro Manzonis wie auch jene von Goethe in sich auf.


„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren | Gemeinfrei | via Wikimedia Commons

Jekyll & Hyde – die Story und ihr Einfluss auf die Popkultur bis heute

Was macht die Faszination dieser Geschichte, die bis heute anhält, im Kern aus? Ein Mensch, der die Kontrolle über seine unterbewussten Triebe verliert, dessen dunkle Seite dominiert und grausame Morde begeht. Ein zeitloses Motiv. Die durch Verfilmungen so eindrücklich vermittelte Entstelltheit Mr. Hydes aber findet sich im Text nicht wirklich. In der Erzählung wird sie vielmehr als eine zutiefst finstere, fast unmenschliche Aura von tiefster Abgründigkeit und Bösartigkeit beschrieben, welche – mitsamt der Unfassbarkeit seiner Person (obwohl früh Hinweise gestreut werden) – hier den eigentlichen Schrecken erzeugt.

Das Motiv der Persönlichkeitsspaltung bzw. das Doppelgänger-Motiv findet sich vielfach in der Literatur des 19. Jahrhunderts, so z. B. in E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“, in Poes „William Wilson“, Jean Pauls „Siebenkäs“ oder Dostojewskis „Der Doppelgänger“. Zu untersuchen, was Stevensons Werk unter all jenen herausstechen lässt, ist ein Vergnügen, dem sich jede*r hingeben kann, so die Zeit einem nicht zu schade ist (und nicht sein sollte).

Diese Novelle ist Kult und nicht allein aufgrund des zeitlosen Themas ein hervorragend alternder. Auch wenn der Autor hier komplexere Absichten verfolgte, lassen sich in diesem Werk Spuren der Parodie finden. Parodien der klassisch französischen „romans policiers“ (Kriminalromane) erhielten zu jener Zeit starken Einzug. Eine der herrlichsten Parodien lieferte wohl Thomas Bailey Aldrich mit „The Stillwater Tragedy“, in der sämtliche Analysen des Herrn Detektiv lächerlich absurd ins Leere laufen.

Weder reine Parodie, noch reines Drama, noch reiner Krimi, noch rein psychologischer Roman – Stevensons Klassiker ist vielleicht ein Krimi, der all die Elemente der genannten Gattungen enthält.

Fredric March in "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" | USA 1931 | Screenshot von www.imdb.com

Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | Screenshot | www.imdb.com

Eine der ersten Verfilmungen mit Fredric March als Mr. Hyde von 1931 war ein großer Publikumserfolg. Später kam es vermehrt zu Abwandlungen, die sich immer weiter von der Literaturvorlage entfernten, bis hin zu der Wiederaufnahme des Jekyll-and-Hyde-Motivs in der Serie „Penny Dreadful“ (2014 – 2016).

Zu den originelleren Umsetzungen kam es 1968 im TV-Grusel „Die Geschichte des Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ mit Jack Palance in der tragenden Rolle sowie 1990 in „Jekyll & Hyde“ mit Michael Caine, Cheryl Ladd und Ronald Pickup. Das Werk steht heute in einer Reihe mit Mary Shellys „Frankenstein“, Bram Stokers „Dracula“, E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ oder Gaston Leroux‘ „Phantom der Oper“.

Michael Caine im Film "Jekyll & Hyde" | 1990 | Screenshot von www.imdb.com

Michael Caine in „Jekyll & Hyde“ | 1990 | © CAPITAL CITIES/ABC, INC. | www.imdb.com

Auch wenn sich der Sprachakrobat Stevenson in seiner Lyrik und zahlreichen Erzählungen weitgehend exzessiv ausgetobt hatte, kommt seine Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, gemessen an unseren heutigen Lesegewohnheiten zumindest recht konventionell/altbacken daher. Doch das trübt hier keinesfalls das Lesevergnügen. Dieses Kammerspiel ist ein wahrer Genuss.

…last but not least…

Wer über diese Schauernovelle Blut geleckt haben sollte, dem sei auch Stevensons „The Master of Ballantrae. A Winter’s Tale“ (dt.: „Der Junker von Ballantrae“) wärmstens empfohlen. Ein historischer Abenteuerroman, der nicht nur, doch eben auch durch seine Komplexität überzeugt. Und wer mehr über Autor und Werk erfahren mag, ist mit der Abhandlung „Der Erzähler Robert Louis Stevenson“ von Horst Dölvers bestens beraten.

Stevenson schrieb einmal in einem Essay über die Lektüre abenteuerlicher Bücher:

„Erzählungen bedeuten für den erwachsenen Menschen so viel wie für Kinder das Spielen.“

Wer möchte ihm da widersprechen … ;*

Ein Beitrag von J. T. 


Weiterführende Links und Literatur:
Robert Louis Stevenson – Wikipedia
Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde – Wikipedia
Robert Louis Stevenson | The Poetry Foundation (engl.)
Sting: A Winter’s Night… Live from Durham Cathedral | YouTube
• Horst Dölvers: „Der Erzähler Robert Louis Stevenson: Interpretationen“ | Francke Verlag | 1969
• Burkhard Niederhoff: „Erzähler und Perspektive bei Robert Louis Stevenson. (Epistemata – Würzburger wissenschaftl. Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, Bd. 120)“ | Würzburg: Königshausen u. Neumann | 1994

Bilder:
• Titelbild (Ausschnitt): Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | © www.derwahlberliner.com
• Eigene Titelgrafik von J. T. (AlexOffice) zu Teil 2 der Reihe Literary ClassiX | Robert Louis Stevenson
• Robert Louis Stevenson 1885 | Foto von Lloyd Osbourne | Project Gutenberg | Wikimedia Commons
• Robert Louis Stevenson | Gemälde von John Singer Sargent | 1887 | Wikimedia Commons
• „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | Die Verwandlung | Poster aus den 1880er Jahren | Wikimedia Commons
• Fredric March in „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ | 1931 | Screenshot | www.imdb.com
• Michael Caine in „Jekyll & Hyde“ | 1990 | © CAPITAL CITIES/ABC, INC. | Screenshot | www.imdb.com 

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