In Teil 3 seiner Reihe »Literary ClassiX« über Klassiker der Weltliteratur stellt uns J. T. (AlexOffice) diesmal den Roman „Flussfahrt“ des US-amerikanischen Schriftstellers und Lyrikers James L. Dickey vor. Als Verfilmung kennt man diesen intensiven psychologischen Thriller unter dem deutschen Titel „Beim Sterben ist jeder der Erste“. — Auch ein Beispiel für James Dickeys lyrisches Werk können wir in diesem Beitrag lesen: sein Gedicht „For the Last Wolverine“.
Titelbild: Szene aus „Beim Sterben ist jeder der Erste“ („Deliverance“) | © Warner Bros Home Entertainment | www.moviepilot.de
Literary ClassiX | 3 | James L. Dickey: „Flussfahrt“

James L. Dickey (Bild auf dem Schutzumschlag seines Romans „Deliverance“ 1970) | Foto von Christopher Dickey | Public Domain | via Wikimedia Commons
„Flussfahrt“
Originaltitel: „Deliverance“ (Befreiung, Erlösung, Rettung) | Roman | 1970 | zentrale Motive: Männlichkeit und Zivilisation, Gewalt und Instinkt, Naturzerstörung | Verfilmung 1972: „Deliverance“, dt. „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (Regie: John Boorman)
von James Lafayette Dickey
* 2. Februar 1923 † 19. Januar 1997
„Lyrik ist das bedeutendste Genre, das die Menschheit geschaffen hat. Sie ist reine Sprache, ein Wunderwerk, das alles andere im menschlichen Leben ermöglicht.“ (James Dickey)

„Deliverance by James Dickey“ | Bild von J. T. (AlexOffice) zu Teil 3 seiner Reihe LiteraryClassiX

Buchcover: James Dickey – „Flußfahrt“ | Roman | aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel | gebundene Ausgabe | 1. Januar 1975 | Bild auf Amazon.de
Leseprobe: Auszug aus dem 1. Kapitel
Quelle: James Dickey – „Flußfahrt“ – Roman | aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel | gebundenes Buch | Verlag Volk und Welt Berlin | 2. Auflage | 1977
Vorher
Die Karte entrollte sich langsam, schien ihre Farben nur unwillig preiszugeben und schnellte sofort wieder zusammen, wenn einer von uns sie losließ. Das ganze Gebiet lag widerspenstig da, bis wir unsere vier Bierkrüge auf die Ecken stellten und den Fluss auf seinem 240 Kilometer langen Weg nordwärts durch die Berge verfolgen konnten. Lewis´ Hand griff nach einem Bleistift, zeichnete damit an einem Punkt, wo ein Teil des Grüns verblasste und das Papier die Farbe der Berge annahm, ein kleines kräftiges x ein und bewegte sich dann flussabwärts durch die gedruckten Wälder hindurch von Nordosten nach Südwesten. Mein Blick war mehr auf die Hand gerichtet als auf das Gelände, denn sie schien das Land in der Gewalt zu haben, und als sie innehielt, weil Lewis irgend etwas erklärte, war es, als hörten alle Flüsse auf zu fließen, als warteten sie schweigend darauf, dass man ihnen ein Zeichen gab. Der Bleistift kehrte sich um, so als wolle er mit seinem Radiergummi ein Gebiet umreißen, das ungefähr achtzig Kilometer lang sein musste und in dem der Fluss sich krümmte und wand.
„Wenn man die nächste Vermessung macht und die Karte neu bearbeitet“, sagte Lewis, „wird hier alles blau sein. Bei Aintry hat man schon mit dem Bau des Dammes begonnen und wenn er nächstes Frühjahr fertig ist, wird sich der Fluss sehr schnell stauen. Das ganze Tal wird dann unter Wasser stehen. Aber jetzt ist es noch ganz wild. Und wenn ich wild sage, dann meine ich das auch; es sieht aus, als läge es irgendwo oben in Alaska. Wir sollten wirklich hinfahren, ehe es die Grundstücksmakler in Besitz nehmen und eines ihrer sogenannten Paradiese daraus machen.“
Ich lehnte mich nach vorn, betrachtete das von ihm unsichtbar eingegrenzte Gebiet und versuchte mir die zukünftigen Veränderungen vorzustellen, den nächtlichen Anstieg des gestauten Wassers, das einen neuen See entstehen ließ, einen See mit den schrecklichen Ufergrundstücken, Bootstegen und Bierdosen, und ich versuchte auch, mir vorzustellen, wie das Land im Augenblick nach Lewis´ Worten aussah – frei und von Touristen unbehelligt. Ich atmete einmal tief ein und aus, ganz bewusst; mein Körper, besonders der Rücken und die Arme, war bereit für etwas wie das hier. Ich blickte mich in der Bar um und sah dann wieder auf die Karte und jenen Punkt des Flusses, wo wir die Fahrt antreten wollten. Etwas weiter südwestlich war die Karte weiß.
„Bedeutet das, dass es hier höher ist?“, fragte ich.
„Ja“, sagte Lewis und warf mir einen schnellen Blick zu, als wolle er sich überzeugen, ob ich bemerkte, wie geduldig er war.
Aha, dachte ich, gleich wird er wieder grundsätzlich werden. Wird eine Lektion liefern. Eine Moral. Ein Prinzip fürs Leben. Etwas Richtungsweisendes.
Doch er sagte nur: „Er muss dort durch eine Schlucht oder so was fließen. Aber wir können leicht an einem Tag durchkommen. Und das Wasser dürfte gut sein, jedenfalls in diesem Teil.“
Ich konnte mir nicht recht vorstellen, was gut bedeutete, wenn es um Flusswasser ging, aber wenn es Lewis gut vorkam, musste es schon irgendwelchen ganz bestimmten Ansprüchen genügen. Er hatte eine sehr persönliche Art, an die Dinge heranzugehen; und gerade das reizte ihn daran. Er bevorzugte nur gewisse extrem spezialisierte und schwierige Sportarten – meist solche, die er für sich allein betreiben konnte – und entwickelte dabei einen sehr persönlichen Stil, über den er sich dann verbreiten konnte. Das hatte ich schon öfter über mich ergehen lassen müssen – Auslassungen über das Angeln mit künstlichen Fliegen, das Bogenschießen, Gewichtheben und die Erforschung von Höhlen, wobei er jedes Mal eine komplette, geradezu mystische Doktrin entwickelt hatte. Nun war es das Kanufahren. Ich lehnte mich zurück und verließ den Bereich der Karte.
Bobby Trippe saß mir gegenüber. Er hatte weiches, dünnes Haar und eine rosige Gesichtsfarbe. Ich kannte ihn nicht so gut wie die anderen am Tisch, aber ich mochte ihn trotzdem ganz gern. Er hatte eine erfreulich zynische Art und vermittelte mir das Gefühl, zwischen uns bestünde eine Art stillschweigendes Einverständnis, Lewis nicht allzu ernst zu nehmen.
„Man sagt, dass alle besseren Familienväter hin und wieder von so etwas träumen“, sagte Bobby. „Aber die meisten legen sich auf die Couch und warten, bis die Anwandlung vorüber ist.“
„Und die meisten liegen auf dem Friedhof, bevor sie ans Aufstehen denken“, sagte Lewis.
„Es ist der alte Wunsch, sich endlich wieder einmal in Form zu bringen. Du hast ihn gehabt, als du in der High School in der B-Mannschaft warst und pausenlos Kurzstrecken laufen musstest. Natürlich gibt es ein paar Leute, die sich ab und zu mal aufraffen. Aber wer läuft schon Kurzstrecken – wer unternimmt schon eine Flussfahrt?“
„Na, ihr habt jetzt jedenfalls die Chance, eine zu machen“, sagte Lewis. „Und zwar schon am nächsten Wochenende, wenn ihr euch Freitag frei machen könnt. Entweder werden Ed und ich fahren oder wir fahren alle vier. Aber ihr könnt euch jetzt entscheiden, damit ich das andere Kanu noch besorgen kann.“

Buchcover: James Dickey – „Flußfahrt“ | Roman | aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel | gebundene Ausgabe | 1. Januar 1971 | Bild auf Amazon.de
Ich mochte Lewis; ich fühlte, wie mich seine spontane und ansteckende Begeisterung wieder einmal mitriss wie früher schon beim Bogenschießen und Schmetterlingssammeln oder damals, als wir in eine kleine erbärmlich kalte Berghöhle eindrangen, in der wir außer einem versteinerten Frosch nichts fanden. Lewis war der einzige Mann in meinem Bekanntenkreis, der so leben konnte, wie er wollte. Er sprach dauernd davon, sich in Neuseeland oder Südafrika oder Uruguay niederzulassen, aber er konnte den Besitz, den er geerbt und verpachtet hatte, nicht im Stich lassen, und ich glaubte nicht recht daran, dass er jemals fortgehen würde. Aber in Gedanken ging er ständig fort, reiste pausenlos umher, tat immer etwas anderes. Dieses Gebaren, dieses mystische Verhalten hatte in ihm etwas entstehen lassen, was mich jedenfalls stark beeindruckte. Er war nicht nur unabhängig, sondern handelte auch entschlossen. Er war einer unserer besten Turnierbogenschützen und mit seinen achtunddreißig oder neununddreißig Jahren einer der kräftigsten Männer, denen ich je die Hand geschüttelt hatte. In einem wohlüberlegten, alternierenden Rhythmus stemmte er jeden Tag Gewichte und schoss mit dem Bogen; und er verdankte dem eine solche Stärke, dass er einen Fünfzigpfundbogen mit Leichtigkeit zwanzig Sekunden lang voll angespannt halten konnte. Ich sah ihn einmal, wie er mit einem Aluminiumpfeil, der eigentlich nur für die Zielscheibe bestimmt war, auf vierzig Meter Entfernung eine Wachtel tötete, wobei der Pfeil im allerletzten Moment in die Schwanzfedern des Tieres eindrang.

Szene aus „Beim Sterben ist jeder der Erste“ („Deliverance“) | © Warner Bros Home Entertainment | www.moviepilot.de
James Dickey – der Autor und sein Werk
In diesem Beitrag wird ein Dichter vorgestellt, der auch ein paar Prosawerke verfasste, darunter dieses, seinen Debütroman „Flussfahrt“ (orig. „Deliverance“), das ein schmales Bändchen hergibt, um 1970 erschien und bald, schon kurz nach Erscheinen, ziemlich hohe Wellen schlug und eben auch früh zum Klassiker avancierte. Dickeys Thriller unterscheidet sich gravierend von den Mainstream-Titeln aus ebenjener Zeit. Hier wird ein kleiner Genre-Mix gewagt. Vergleichbare Werke fand man später vielleicht von James Lee Burke oder Joe R. Lansdale. Oder aber bei Mr. Stephen King.
James Lafayette Dickey (1923 – 1997) schrieb im Kern Lyrik (einige der bedeutendsten amerikanischen Gedichte sind darunter), doch auch einen schmalen Kriminalroman, verfasst im Stil einer Abenteuererzählung. Die Sprache ist knapp und nüchtern, wie im Grunde auch in seinen Gedichten. Dickeys sehr eigenwilliger Ton ist nämlich beispiellos in der US-Literatur, insbesondere zu seiner Zeit. Ein weiterer Pionier war er. Und ein Lebemann, der bei der US-Luftwaffe diente, ehe er Lehrstühle in Texas und Florida innehatte.

Filmplakat zu „Deliverance“ („Beim Sterben ist jeder der Erste“) | © Warner Bros Home Entertainment | www.moviepilot.de
„Deliverance“ (dt. „Flussfahrt“) wurde Dickeys größter kommerzieller Erfolg, der dann im Jahr 1972, ebenfalls unter dem Titel „Deliverance“ (deutscher Titel: „Beim Sterben ist jeder der Erste“), von John Boorman („Point Blank“, „Excalibur“) mit den vier Hauptdarstellern Burt Reynolds, Jon Voight, Ned Beatty und Ronny Cox verfilmt wurde.
Vier Großstädter unternehmen eine Kanufahrt, die in einem Überlebenskampf mündet. Die Geschehnisse werden so ungeschönt martialisch beschrieben, wie es die Derbheit der jeweiligen Ereignisse verlangt. Dickey war auch in seiner Lyrik nie zimperlich, und oft wirkt seine Poesie auf den allerersten Blick banal (etwa im Vergleich zu einem Robert Frost, den Dickey mal als „Superjerk“ bezeichnete). Bei Dickey gibt es nie ein Wort zu viel. Dickey filterte und filterte und brachte nur die reinste Essenz auf Papier. Und dabei entwickelte er eine ganz eigene lyrische Ästhetik.
Die Natur im Roman „Flussfahrt“ als Sehnsuchtsort für die Einen, aber auch als Rückzugsort für kriminelle Elemente (um beispielsweise, wie hier, illegal Schnaps zu brennen), wird wie in zahllosen Thriller- und Horrorplots zum Albtraum beim Aufeinanderprallen der konträren Zivilisationen (Städter und Provinzler, wie so oft). In der Abgeschiedenheit der Wälder um einen Gebirgsfluss lauern die Vollstrecker urbaner Urängste. Die Schilderung der konkreten Taten will ich in diesem kleinen Beitrag ausklammern.
Dickey ist hier ein kleines Glanzstück gelungen, das uns vorführt, wie Menschen sich verhalten, wenn die Dinge außer Kontrolle geraten und wozu sie fähig sind, um ihre Normalität wiederherzustellen. Der Charme dieses Textes liegt irgendwo zwischen William Goldings „Herr der Fliegen“ und James Fenimore Coopers „Die Prärie“.
Wie wohl nicht untypisch bei diesem leicht lakonischen literarischen Schwergewicht, verfehlte er auch nicht die Nachwirkung auf Meta-Ebenen. Das Sinnbildhafte, das zwischen den Zeilen angereicherte Tiefergehende, kommt gerade in seinen Gedichten zum Tragen.
Am folgenden Beispiel aus James Dickeys reichhaltiger Lyrik – „For The Last Wolverine“ (dt. „Für den letzten Vielfraß“) aus dem Jahr 1969 – können wir das deutlich sehen (es selbst zu übersetzen, kann ein wahres Vergnügen sein und letztlich auch bereichernder…;*). Dieses Werk enthält alle Wesensmerkmale der Dickeyschen existenzialistischen Stimmungslyrik.
Quelle des Gedichts: James Dickey: The Selected Poems | Wesleyan University Press | 1998 | auf www.poetryfoundation.org
For the Last Wolverine
They will soon be down
To one, but he still will be
For a little while still will be stopping
The flakes in the air with a look,
Surrounding himself with the silence
Of whitening snarls. Let him eat
The last red meal of the condemned
To extinction, tearing the guts
From an elk. Yet that is not enough
For me. I would have him eat
The heart, and from it, have an idea
Stream into his gnarling head
That he no longer has a thing
To lose, and so can walk
Out into the open, in the full
Pale of the sub-Arctic sun
Where a single spruce tree is dying
Higher and higher. Let him climb it
With all his meanness and strength.
Lord, we have come to the end
Of this kind of vision of heaven,
As the sky breaks open
Its fans around him and shimmers
And into its northern gates he rises
Snarling complete in the joy of a weasel
With an elk’s horned heart in his stomach
Looking straight into the eternal
Blue, where he hauls his kind. I would have it all
My way: at the top of that tree I place
The New World’s last eagle
Hunched in mangy feathers giving
Up on the theory of flight.
Dear God of the wildness of poetry, let them mate
To the death in the rotten branches,
Let the tree sway and burst into flame
And mingle them, crackling with feathers,
In crownfire. Let something come
Of it something gigantic legendary
Rise beyond reason over hills
Of ice SCREAMING that it cannot die,
That it has come back, this time
On wings, and will spare no earthly thing:
That it will hover, made purely of northern
Lights, at dusk and fall
On men building roads: will perch
On the moose’s horn like a falcon
Riding into battle into holy war against
Screaming railroad crews: will pull
Whole traplines like fibres from the snow
In the long-jawed night of fur trappers.
But, small, filthy, unwinged,
You will soon be crouching
Alone, with maybe some dim racial notion
Of being the last, but none of how much
Your unnoticed going will mean:
How much the timid poem needs
The mindless explosion of your rage,
The glutton’s internal fire the elk’s
Heart in the belly, sprouting wings,
The pact of the “blind swallowing
Thing,” with himself, to eat
The world, and not to be driven off it
Until it is gone, even if it takes
Forever. I take you as you are
And make of you what I will,
Skunk-bear, carcajou, bloodthirsty
Non-survivor.
Lord, let me die but not die
Out.
Ein Beitrag von J. T. (AlexOffice)
Quellen und weiterführende Links:
• James Dickey – „Flußfahrt“ – Roman | aus dem Amerikanischen von Jürgen Abel | gebundenes Buch | Verlag Volk und Welt Berlin | 2. Auflage | 1977
• James Dickey | Wikipedia
• James Dickey | Wikipedia (engl.)
• James Dickey | New Georgia Encyclopedia (engl.)
• Flussfahrt | Wikipedia
• Deliverance (novel) | Wikipedia (engl.)
• Beim Sterben ist jeder der Erste | Wikipedia
• Beim Sterben ist jeder der Erste | Film 1972 | Moviepilot
• For the Last Wolverine | The Poetry Foundation (engl.)
• James Dickey reads „For the Last Wolverine,“ c. 1969 | YouTube (engl.)
• James Dickey, The Art of Poetry No. 20 | Interviewed by Franklin Ashley | Paris Review (engl.)
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